„Frieden wagen“
Bonhoeffers
Schlüsseltext zum Thema
Im August
1934 wurde auf der Insel Fanö in Dänemark eine gemeinsame Ratstagung für Life and
Work und das Exekutivkomitee des Weltbundes für Freundschaftsarbeit der Kirchen
gehalten.
Bonhoeffer war als Jugendsekretär des Weltbundes nach Fanö eingeladen und dazu aufgefordert, zu dem Thema des zweiten Tages „Kirche und Völkerwelt“
Vorschläge zu machen. Am 28. August hielt er auf
Englisch eine Ansprache: „The Church and the Peoples of the World“, deren
deutschen Text wir hier in ganzer Länge wiedergeben. Bonhoeffer war der einzige Vertreter der
Bekennenden Kirche auf dieser Tagung, und mit dieser Ansprache ist das erste
und letzte Mal die Stimme der Bekennenden Kirche auf einer ökumenischen Tagung
während des 3. Reiches erklungen. Aus Gründen ihrer Organisation und ihrer
Neutralität in Fragen des Bekenntnisses hat die Ökumene die Bekennende Kirche
nie im vollen Sinne als die Kirche in Deutschland anerkannt, sondern nur als
einen Teil der Deutschen Evangelischen Kirche.
"Kirche und Völkerwelt" - Ansprache auf der
ökumenischen Konferenz in Fanö 1934
„Ach dass ich hören sollte, was
der Herr redet, dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen“ (Ps.
85,9). Zwischen den Klippen des Nationalismus und des Internationalismus ruft
die ökumenische Christenheit nach ihrem Herrn und nach seiner Weisung.
Nationalismus und Internationalismus sind Fragen der politischen
Notwendigkeiten und Möglichkeiten. Aber die Ökumene fragt nicht nach diesen,
sondern nach den Geboten Gottes und ruft diese Gebote Gottes ohne Rücksicht
mitten hinein in die Welt.
Als Glied der Ökumene hat der
Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen Gottes Ruf zum Frieden vernommen
und richtet diesen Befehl an die Völkerwelt aus. Unsere theologische Aufgabe
besteht darum hier allein darin, dieses Gebot als bindendes Gebot zu vernehmen
und nicht als offene Frage zu diskutieren. „Friede auf Erden“, das ist kein
Problem, sondern ein mit der Erscheinung Christi selbst gegebenes Gebot. Zum
Gebot gibt es ein doppeltes Verhalten: den unbedingten, blinden Gehorsam der
Tat oder die scheinheilige Frage der Schlange: sollte Gott gesagt haben? Diese
Frage ist der Todfeind des Gehorsams, ist darum der Todfeind jeden echten
Friedens. Sollte Gott nicht die menschliche Natur besser gekannt haben und
wissen, dass Kriege in dieser Welt kommen müssen wie Naturgesetze? Sollte Gott
nicht gemeint haben, wir sollten wohl von Frieden reden, aber so wörtlich sei
das nicht in die Tat umzusetzen? Sollte Gott nicht doch gesagt haben, wir
sollten wohl für den Frieden arbeiten, aber zur Sicherung sollten wir doch
Tanks und Giftgase bereitstellen? Und dann das scheinbar Ernsteste: Sollte Gott
gesagt haben, Du sollst dein Volk nicht schützen? Sollte Gott gesagt haben, Du
sollst Deinen Nächsten dem Feind preisgeben?
Nein, das alles hat Gott nicht
gesagt, sondern gesagt hat er, dass Friede sein soll unter den Menschen, dass
wir ihm vor allen weiteren Fragen gehorchen sollen, das hat er gemeint. Wer
Gottes Gebot in Frage zieht, bevor er gehorcht, der hat ihn schon verleugnet.
Friede soll sein, weil Christus
in der Welt ist, d. h. Friede soll sein, weil es eine Kirche Christi gibt, um
deretwillen allein die ganze Welt noch lebt. Und diese Kirche Christi lebt
zugleich in allen Völkern und doch jenseits aller Grenzen völkischer,
politischer, sozialer, rassischer Art, und die Brüder dieser Kirche sind durch
das Gebot des einen Herrn Christus, auf das sie hören, unzertrennlicher
verbunden als alle Bande der Geschichte, des Blutes, der Klassen und der
Sprachen Menschen binden können. Alle diese Bindungen innerweltlicher Art sind
wohl gültige, nicht gleichgültige, aber vor Christus auch nicht endgültige
Bindungen. Darum ist den Gliedern der Ökumene, sofern sie an Christus bleiben,
sein Wort und Gebot des Friedens heiliger, unverbrüchlicher als die heiligsten
Worte und Werke der natürlichen Welt es zu sein vermögen; denn sie wissen: Wer
nicht Vater und Mutter hassen kann um seinetwillen, der ist sein nicht wert,
der lügt, wenn er sich Christ nennt. Diese Brüder durch Christus gehorchen
seinem Wort und zweifeln und fragen nicht, sondern halten sein Gebot des
Friedens und schämen sich nicht, der Welt zum Trotz sogar vom ewigen Frieden zu
reden. Sie können nicht die Waffen gegeneinander richten, weil sie wissen, dass
sie damit die Waffen auf Christus selbst richteten. Es gibt für sie in aller
Angst und Bedrängnis des Gewissens keine Ausflucht vor dem Gebot Christi, dass
Friede sein soll.
Wie wird Friede? Durch ein System von politischen Verträgen?
Durch Investierung internationalen Kapitals in den verschiedenen Ländern? d. h.
durch die Großbanken, durch das Geld? Oder gar durch eine allseitige friedliche
Aufrüstung zum Zweck der Sicherstellung des Friedens? Nein, durch dieses alles
aus dem einen Grunde nicht, weil hier über Friede und Sicherheit verwechselt wird. Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der
Sicherheit. Denn Friede muß gewagt werden, ist das eine große Wagnis, und läßt
sich nie und nimmer sichern. Friede ist das Gegenteil von Sicherung.
Sicherheiten fordern heißt Mißtrauen haben, und dieses Mißtrauen gebiert
wiederum Krieg. Sicherheiten suchen heißt sich selber schützen wollen. Friede
heißt sich gänzlich ausliefern dem Gebot Gottes, keine Sicherung wollen,
sondern in Glaube und Gehorsam dem allmächtigen Gott die Geschichte der Völker
in die Hand legen und nicht selbstsüchtig über sie verfügen wollen. Kämpfe
werden nicht mit Waffen gewonnen, sondern mit Gott. Sie werden auch dort noch
gewonnen, wo der Weg ans Kreuz führt. Wer von uns darf denn sagen, dass er
wüßte, was es für die Welt bedeuten könnte, wenn ein Volk – statt mit der Waffe
in der Hand – betend und wehrlos und darum gerade bewaffnet mit der allein
guten Wehr und Waffe den Angreifer empfinge? (Gideon: ...des Volkes ist zuviel,
das mit dir ist ... Gott vollzieht hier selbst die Abrüstung!)
Noch einmal darum: Wie wird
Friede? Wer ruft zum Frieden, dass die Welt es hört, zu hören gezwungen ist?,
dass alle Völker darüber froh werden müssen? Der einzelne Christ kann das nicht
– er kann wohl, wo alle schweigen, die Stimme erheben und Zeugnis ablegen, aber
die Mächte der Welt können wortlos über ihn hinwegschreiten. Die einzelne
Kirche kann auch wohl zeugen und leiden – ach, wenn sie es nur täte-, aber auch
sie wird erdrückt von der Gewalt des Hasses. Nur das eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt
zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muß und dass die Völker froh
werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der
Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über
die rasende Welt.
Warum fürchten wir das Wutgeheul
der Weltmächte? Warum rauben wir ihnen nicht die Macht und geben sie Christus
zurück? Wir können es heute noch tun. Das ökumenische Konzil ist versammelt, es
kann diesen radikalen Ruf zum Frieden an die Christusgläubigen ausgehen lassen.
Die Völker warten darauf im Osten und Westen. Müssen wir uns von den Heiden im
Osten beschämen lassen? Sollten wir die einzelnen, die ihr Leben an diese
Botschaft wagen, allein lassen? Die Stunde eilt – die Welt starrt in Waffen und
furchtbar schaut das Mißtrauen aus allen Augen, die Kriegsfanfare kann morgen
geblasen werden – worauf warten wir noch? Wollen wir selbst mitschuldig werden,
wie nie zuvor?
„Was hülf‘
mir Kron‘ und Land und Gold und Ehre?
Die könnten
mich nicht freun!
‚s ist
leider Krieg – und ich begehre
nicht schuld
daran zu sein!“ (M. Claudius)
Wir wollen reden zu dieser Welt,
kein halbes, sondern ein ganzes Wort, ein mutiges Wort, ein christliches Wort.
Wir wollen beten, dass uns dieses Wort gegeben werde – heute noch – wer weiß,
ob wir uns im nächsten Jahr noch wiederfinden?
(Aus: Gesammelte Schriften I,
216ff.)
"Friede muss gewagt werden, ist das eine große Wagnis und lässt sich nie und nimmer sichern!"
Ende 1942 schreibt Bonhoeffer in einem Weihnachtsbrief an seine
Freunde folgendes:
Die Erfahrung des Verrats ist kaum einem erspart
geblieben. Die Gestalt des Judas, die uns früher so unbegreiflich war, ist uns
kaum mehr fremd. So ist die Luft, in der wir leben, durch Mißtrauen verpestet,
daß wir fast daran zugrunde gehen. Wo wir aber die Schicht des Mißtrauens
durchbrachen, dort haben wir die Erfahrung eines bisher gar nicht geahnten
Vertrauens machen dürfen. Wir haben es gelernt, dort, wo wir vertrauen, dem
anderen unseren Kopf in die Hände zu geben; gegen alle Vieldeutigkeiten, in
denen unser Handeln und Leben stehen mußte, haben wir grenzenlos vertrauen
gelernt. Wir wissen nun, daß nur in solchem Vertrauen, das immer ein Wagnis
bleibt, aber ein freudig bejahtes Wagnis,
wirklich gelebt und gearbeitet werden kann. Wir wissen, daß es zu dem
Verwerflichsten gehört, Mißtrauen zu säen und zu begünstigen, daß vielmehr
Vertrauen, wo es nur möglich ist, gestärkt und gefördert werden soll. Immer
wird uns das Vertrauen eines der größten, seltensten und beglückendsten
Geschenke menschlichen Zusammenlebens bleiben und es wird doch immer nur auf
dem dunklen Hintergrund eines notwendigen Mißtrauens entstehen. Wir haben
gelernt, uns dem Gemeinen durch nichts, dem Vertrauenswürdigen aber restlos in
die Hände zu geben.“ (zitiert bei R. Strunk: Vertrauen, 1984, S.11)
Frieden
und Vertrauen – beide sind Wagnis
-
Albert Einstein 1950:
„Letzten Endes beruht jedes friedliche Zusammenleben der Menschen in erster
Linie auf gegenseitigem Vertrauen und erst in zweiter Linie auf Institutionen
wie Gericht oder Polizei: dies gilt ebenso für Nationen wie für Individuen“
-
Carl Goerdeler 1943 in
den Grundsätzen für eine Regierung nach dem Sturz Hitlers „ Voraussetzung für
jede Verständigung unter den Völkern ist die Rückkehr des Vertrauens. Nur eine
von gegenseitigem Vertrauen erfüllte Welt ist fähig, einen Frieden
herzustellen, der der ungeheuren, von den Völkern der Erde gebrachten Opfer
würdig ist, dem Leben eine wahre und dauerhafte Grundlage zu geben, die den
Namen Frieden verdient, und nach dem Unglück dieses Krieges zu vermeiden, daß
ihm das noch schlimmere Unheil eines verfehlten Friedens folgt.“ (Strunk,
S.18f)
Erarbeitet von Eva
Hildenbrand und Hans-Georg Dietrich